Unser Selbstverständnis

Präambel

Im Jahre 1815 wurde in Jena die erste deutsche Burschenschaft gegründet. Ziel war es, - in unsere heutige Sprache übersetzt - einen demokratischen Rechtsstaat in einem vereinigten Deutschland zu schaffen.

Die burschenschaftlichen Ideen breiteten sich schnell an allen deutschen Universitäten aus, stießen jedoch auf Widerstände bei den damaligen Inhabern der politischen Macht in Deutschland. Repressionen waren die Folge bis hin zu zeitweiligen Verboten der burschenschaftlichen Bewegung.

Politische Höhepunkte des neuen, republikanisch-demokratischen Geistes waren 1832 die große Volksversammlung auf dem Hambacher Schloss, und 1848 die Einberufung der deutschen Nationalversammlung. Eine große Anzahl der Abgeordneten der Nationalversammlung waren Burschenschafter, darunter ihr erster Präsident, Heinrich von Gagern.

Auf dem mühseligen geschichtlichen Weg zu unserem heutigen demokratisch verfassten Rechtsstaat in Deutschland hat die burschenschaftliche Bewegung wesentliche Beiträge geleistet. Symbolisch drückt sich dies darin aus, dass die 1815 gewählten Farben der Burschenschaft - schwarz-rot-gold - die Nationalfarben der Bundesrepublik Deutschland geworden sind.

Die Burschenschaften der Jenenser Deutschlandgespräche stehen in der politischen Tradition der burschenschaftlichen Bewegung von 1815, deren Ziele in einem Wahlspruch manifestiert wurden:

Ehre - Freiheit - Vaterland.

Tradition bedeutet die Übernahme von Werten der Vergangenheit in die Gegenwart. Dabei gilt es zu unterscheiden zwischen solchen Werten, die als gültig unabhängig von der Zeit angesehen werden, und solchen, die zeitabhängiger Ausdruck eines vorherrschenden gesellschaftlichen Lebensgefühls sind. Letztere Werte bedürfen der stetigen Überprüfung ihrer Gültigkeit sowie der Anpassung oder gar einer Aufgabe als mögliche Folge eines veränderten und sich verändernden gesellschaftlichen Bewusstseins. Die Bewältigung von Problemen der Gegenwart und der Zukunft hat Vorrang vor der Bewahrung von Traditionen.

Für die burschenschaftliche Bewegung sind seit ihrer Entstehung drei Begriffe von zentraler Bedeutung. Es sind dies die Begriffe Ehre, Freiheit und Vaterland. Da alle drei, insbesondere aber die Begriffe Ehre und Vaterland, immer wieder Gegenstand von Fehlauslegungen und Anlass zu Missverständnissen sind, soll, gleichsam als Einleitung für die Grundlagen unseres Denkens und Handelns, an dieser Stelle deutlich gemacht werden, was wir unter diesen Begriffen verstehen wollen.

Ehre

Voraussetzung für die Bildung einer humanen menschlichen Gemeinschaft ist der gesellschaftliche Konsens über die Gültigkeit eines Kanons sittlicher Normen. Diese ergeben sich als Folgerung einer Anerkennung des Prinzips der Sittlichkeit des Menschen. Sittliche Normen werden nur zu einem Teil aus rational-pragmatischen Erfordernissen menschlichen Zusammenlebens abgeleitet. Andere, nicht minder wesentliche Normen sind eher religiös-philosophischen Ursprungs. Sie sind daher rational nur bedingt zu begründen und beruhen vielmehr auf den geschichtlich gewachsenen kulturellen Traditionen der Menschheit und der Völker in ihren jeweiligen Regionen und Lebensräumen.

Unter dem Begriff EHRE wird der sittliche Maßstab verstanden, auf den hin ein Mensch und die Gesellschaft, in der er lebt, ihr Handeln ausrichten. Jeder Mensch muss folglich bereit sein, sittliche Normen als für sich gültig und bindend sowie seine persönliche Freiheit einschränkend anzuerkennen. Daraus ergibt sich als Selbstverständlichkeit die Pflicht des einzelnen zu Toleranz und zur Achtung der Ehre anderer.

Freiheit

In einem demokratischen Staat ist es erforderlich, ein vernünftiges Gleichgewicht zu finden und zu gewährleisten zwischen der FREIHEIT des Menschen zur Entfaltung seiner individuellen Persönlichkeit und jenen freiheitsbegrenzenden Notwendigkeiten, die Voraussetzung sind für ein friedliches Zusammenleben in menschlichen Gemeinschaften, auch schon in der Familie.

Der Gebrauch der Freiheit erfordert die Bereitschaft zur Übernahme der Verantwortung für das selbstbestimmte Handeln und dessen Folgen.

Unbegrenzte individuelle Freiheit würde letztlich auch die Möglichkeit des Verzichts auf die Anerkennung sittlicher Grundsätze überhaupt sowie den Anspruch auf das Recht zur Bildung individueller und zur Ablehnung gemeinschaftlicher sittlicher Normen beinhalten. Eine Gesellschaft aber, deren Mitglieder ihre Ethik solchermaßen nur individuell bestimmen, muss zwangsläufig, dies lehrt uns auch die Vergangenheit, in Anarchie und Diktatur führen. Der verantwortungsbewusste Gebrauch der persönlichen Freiheit sowie die Einschränkung der Freiheitsrechte des einzelnen in einer staatlichen Verfassung sind somit unverzichtbare Grundsätze zur Wahrung und Sicherung der menschlichen Würde des einzelnen. Die Durchsetzung eben dieser Grundsätze erfordert zwingend jenes bewusste Anerkenntnis sittlicher Maßstäbe, das zuvor als Ehre bezeichnet wurde.

Vaterland

Gemeinsamkeiten in Sprache, Kultur und Geschichte der Menschen einer Region können zu einem Gemeinsamkeitsbewusstsein führen, aus dem sich das Bestreben nach einer staatlichen Organisation zur Existenzsicherung der Gemeinschaft ableitet. Der aus diesen Zusammenhängen sich ergebende Begriff VATERLAND umfasst somit sowohl die kulturelle und räumliche Heimat der Menschen als auch deren staatsrechtliche Organisationsform.

Zu Beginn der burschenschaftlichen Bewegung war es das Ziel, alle Deutschen ohne trennende Grenzen in einem gemeinsamen Vaterland zu vereinigen. Unter dem Einfluss des europäischen Zeitgeistes, insbesondere der Romantik, wurde dabei der Vaterlandsbegriff zeitweise emotional überhöht oder diente dem nationalstaatlichen Machtstreben der europäischen Völker.

Heute, nach dem Ende der großen europäischen Kriege, stellt sich die Aufgabe anders: durch die zunehmende Einigung Europas verliert der staatsrechtliche Aspekt, einschließlich der Wirkung der Staatsgrenzen, an Bedeutung, und das Wort Vaterland wird nun eher zur Bezeichnung menschlicher Kulturgemeinschaften in einer räumlichen Heimat verwendet. Dabei muss aber beachtet werden, dass die geistige Kraft Europas im Verlaufe seiner Geschichte zu einem ganz wesentlichen Teil eine Folge seiner Vielfalt war, seiner so großen Anzahl verschiedener Sprachen und Kulturen, aus denen sich der Reichtum an Ideen entwickelte, deren Austausch immer wieder zu neuen Ideen und kulturellen Leistungen führte. Es gilt daher, diese Vielfalt auch in der Zukunft zu bewahren, damit nicht Stagnation an die Stelle geistigen Fortschritts und nicht kulturelle Verarmung an die Stelle von Kreativität treten. Dann aber ist es erforderlich, dass die europäischen Völker ein vernünftiges Maß staatlicher Souveränität zur Sicherung ihrer kulturellen Eigenarten bewahren als Grundlage für das „Europa der Vaterländer“.

Aus den drei burschenschaftlichen Grundsätzen folgt dieses politische Ideal:

Es ist der an die Normen der Sittlichkeit gebundene Mensch, der seine persönliche Freiheit nutzt in der Verantwortung und im Dienst für seine Mitmenschen, und der Kraft schöpft aus seiner Verwurzelung in Kultur und Tradition seines Vaterlandes, im Respekt vor den Vaterländern anderer.

Nach einem leidvollen geschichtlichen Prozess sind heute im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland die wesentlichen Ziele der burschenschaftlichen Bewegung von 1815 durch Verfassungsgebote verankert. Als Verpflichtung wird daher verstanden, sich als Burschenschafter persönlich und aktiv für den Erhalt der freiheitlichen und demokratischen Rechtsordnung unseres Staates einzusetzen.

Aus diesem Bekenntnis zur Bundesrepublik Deutschland folgen die Verpflichtungen
  • zur Teilnahme bei der Abwehr aller äußeren und inneren Bedrohungen von Staat und Gesellschaft,
  • insbesondere zum Widerstand gegen politischen Extremismus nationalistischer oder sozialistischer Prägung wie auch gegen religiösen und weltanschaulichen Fanatismus.

Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland definiert in Artikel 1, Absatz 1 die sittliche Grundlage unseres Staates: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Aus diesem umfassenden Grundsatz werden letztlich in unserer Verfassung die Einschränkungen der Rechte des Staates und der Freiheitsrechte seiner Bürger abgeleitet. Vielfalt von Meinungen und Ideen jedoch bilden die Grundlage eines entwicklungsfähigen Gemeinwesens. Eine Beschränkung des individuellen Rechtes auf freie Meinungsäußerung nach anderen Kriterien als denen des Schutzes menschlicher Würde muss daher abgelehnt werden. In besonderem Maße ist Widerstand geboten gegen jede einseitige Unterdrückung oder Diskriminierung solcher Meinungsäußerungen, die von den jeweils vorherrschenden, politisch bestimmten oder publizierten Meinungen abweichen.

Dieses Verständnis der drei zentralen Begriffe der burschenschaftlichen Bewegung, ist die Grundlage für die Einstellung zu unserer Gesellschaft, die wir unseren Mitgliedern vermitteln wollen. Nur auf ihr wachsen nach unserer Überzeugung Bereitschaft und Fähigkeit, sich im Sinne eines erweiterten Verständnisses von sozialer Verantwortung, aktiv an der Gestaltung unseres Gemeinwesens (Staat/Nation) zu beteiligen.

Nach landläufigem Verständnis wird der Begriff der sozialen Verantwortung sehr häufig auf die Bedeutung eines sozialen Handelns im Sinne einer rein gemeinnützigen Betätigung verkürzt. Damit tritt ein einzelner Teilbereich an die Stelle des viel weiter reichenden Überbegriffes: gemeinnütziges Tun ist eine von vielen möglichen Folgen der wahrgenommenen sozialen Verantwortung - keinesfalls aber damit gleichzusetzen.

Soziale Verantwortung ist vielmehr ein sittlicher Grundsatz, der den Menschen befähigt, als Einzelner mit anderen Einzelnen zusammen in einer Gemeinschaft zu leben. Dieses Eingebundensein, dem sich keiner entziehen und verweigern kann, setzt Grenzen und öffnet gleichzeitig Freiräume. Es schafft und garantiert dem Einzelnen Rechte, legt ihm aber auch Verpflichtungen auf - Verpflichtungen, die im gleichen Maße zunehmen, wie die eigenen Fähigkeiten über dem Durchschnitt liegen.

Bildung, Ausbildung, geistige Fähigkeiten, berufliche Möglichkeiten - und auch finanzielle Leistungsfähigkeit schaffen nicht nur die Voraussetzungen, sich mehr leisten zu können. Sie fordern auch einen entsprechenden umfeldbezogenen Einsatz und Übernahme von Verantwortung im und für das Gemeinwesen!

Soziale Verantwortung heißt daher:
  • Befähigung zum Erkennen einer besonderen Verpflichtung;
  • Bereitschaft zum gemeinschaftsförderlichen, nicht auf eigene Vorteile gerichteten Handeln;
  • Beherrschung des notwendigen Instrumentariums

1. Korporation

Die Verbindungen - gleich welcher Ausrichtung - leben das Prinzip der sozialen Verantwortung als tragendes Element nach innen. Wo immer dieser Grundsatz aufgeweicht oder gar aufgegeben wird, wo die Verbindlichkeit des Handelns gegenüber dem eigenen Bund oder die Bereitschaft, für den Bundesbruder - auch ohne das Bestehen einer persönlichen Freundschaft - einzutreten, verloren geht, ist die Verbindung ihres Fundamentes beraubt und zum Absterben verurteilt.

Verbindungen unterscheiden sich in diesem Punkt nicht von anderen fest geschlossenen Gemeinschaften. Rituale, Riten und Traditionen bilden dabei lediglich einen äußeren Rahmen, der das eigentliche Prinzip sichtbar werden lässt.

2. Burschenschaft

Eine revolutionäre, bahnbrechende Erkenntnis aus der Anfangszeit der burschenschaftlichen Bewegung hat bis heute ihre Gültigkeit bewahrt:

Die ausschließlich nach innen gerichtete Verantwortung, die Beschränkung auf einen fest umrissenen Kreis, die Kultivierung des Lebensbundprinzips als Selbstzweck, führt zu sektenähnlichen, sich von der übrigen Welt abschottenden Strukturen.

Bleibt aber die Frage nach dem "Wozu?" und "Wohin?" einer Gemeinschaft unbeantwortet, erschöpft sich ihr Sinn in der Pflege der Gruppeninteressen, so führt sich diese Gesellschaft selbst ad absurdum und wird zu ihrer eigenen Karikatur.

Die Urburschenschafter haben einer solchen Entwicklung ihre Auffassung entgegengesetzt, dass der Akademiker - ob als Student oder später im Berufsleben - seine eigentliche Aufgabe außerhalb des Bundes im Staat und in der Gesellschaft mit ihren vielen Gruppen zu erfüllen hat. Sie brachen damit aus der bis dahin gepflegten inzuchtösen Beschränkung des Verbindungswesens aus, bejahten ihre Verantwortung über das akademische Standesdenken hinaus und übernahmen so erstmals soziale Verantwortung im heutigen Sinne.

Ein Lebensbund auf der Grundlage gemeinsam getragener Ideale, einer von allen anerkannten - nicht zwingend unveränderbaren - Werteordnung und der erkennbar ernstgenommenen Verpflichtung zum verantwortungsvollen Handeln, entwickelt Strahlkraft und Außenwirkung. Nicht ohne Grund lag die Blütezeit der Burschenschaften und jedes einzelnen Bundes in den Jahrzehnten, in denen Burschenschafter in allen führenden gesellschaftlichen Funktionen vertreten waren. Sie zeigten, dass sie bereit waren, als Akademiker Anstöße zu geben, Verantwortung zu übernehmen und sich für Andere einzusetzen. Sie vermittelten auch, wo sie all diese Fähigkeiten gelernt und entwickelt haben; nämlich in ihren Burschenschaften. An diesen Gedanken und an diese Haltung gilt es heute wieder anzuknüpfen.

3. Umfeld

Viele der älteren Bundesbrüder empfinden die Veränderungen, die um uns herum geschehen, als beängstigend. Sie erkennen keinen Wertewandel, sondern sehen nur einen Werteverlust. Sie erkennen keine Verbesserung, sondern nehmen Änderungen nur als die Zerstörung des Alten, Gewohnten, liebgewordenen Vertrauten wahr. Die jüngeren Bundesbrüder hingegen nehmen die bestehende Situation als normal, als gegeben hin - häufig lediglich schlaglichtartig wahrgenommen -, ohne Vorgeschichte und ohne erkennbare Weiterentwicklung. Wenn wir aber unserer sozialen Verantwortung gerecht werden sollen, so können wir dies nicht in einem zeitlosen Raum tun. Wir sind hier und jetzt gefordert, d.h. wir müssen uns zunächst ein Bild davon machen, was um uns herum stattfindet. Dies geht allerdings nicht, ohne die Kenntnis von der Entwicklung und den Ursachen der bestehenden Verhältnisse. Wir können unsere Aufgaben als Akademiker nur dann wahrnehmen, wenn wir die Fähigkeit und die Bereitschaft haben, über den Tellerrand der Tagesaktualität und des Zeitgeistes hinauszublicken. Nur wenn die bestehenden Verhältnisse und das herrschende Umfeld im Gesamtzusammenhang betrachtet und beurteilt werden, können nachhaltige, dem Gemeinwesen langfristig förderliche Entscheidungen getroffen und durchgesetzt werden.

Unsere Gesellschaft firmiert unter den verschiedensten Etiketten. Sie können an dieser Stelle nur kurz beleuchtet werden:
  • die sog. Kommunikationsgesellschaft erhebt den Anspruch, Entfernungen zu überbrücken und Informationen leichter und umfassender zugänglich zu machen, als jemals zuvor. Tatsächlich aber bleibt der direkte Kontakt zwischen den Menschen dabei immer häufiger auf der Strecke. Statt Informationen fließen Daten, mit deren Fülle kaum noch jemand umzugehen vermag. Sinn und Notwendigkeit dieser Datenflut erschließen sich nur noch wenigen und werden von der Mehrheit nicht hinterfragt. Einordnung und Bewertung in ein übergreifendes Gesamtbild findet nicht statt.
  • die sog. Konsumgesellschaft weckt Ansprüche und Begehrlichkeiten. Sie beeinflusst den Einzelnen, schafft Bedarf, wo kein Bedürfnis besteht und verkürzt so den Einzelnen auf den Verbraucher.
  • die sog. Freizeitgesellschaft vermittelt das Bild von einer Zweiteilung des Lebens in die "Fron des Alltags" und die "Glückseligkeit der eigensüchtigen Selbstverwirklichung". Dies soll erreicht werden durch den Verbrauch vorgefertigter Produkte und vereinheitlichter Angebote. Der Mensch arbeitet und verbraucht. Er funktioniert, wenn er arbeitet, um zu verbrauchen. Jedes andere Verhalten hat nach diesem Leitbild einen niedrigen Wirkungsgrad und ist deshalb gemeinschaftsschädlich.
  • die sog. Ellenbogen-Gesellschaft, die aus dieser Entwicklung entsteht, predigt folgerichtig Eigennutz und Rücksichtslosigkeit, also im Prinzip asoziale Verhaltensmuster, als Leitschnur und Voraussetzung für das persönliche Fortkommen.
  • all dies spielt sich in einer sog. Massengesellschaft ab, die abweichende Eigenheiten Einzelner als verdächtig wahrnimmt und mit den Begriffen "in" und "out" Entwicklungsrichtungen bestimmt, die zur Gesetzmäßigkeit für zeitgemäßes (will sagen an den Zeitgeist angepasstes) Verhalten erhoben werden.

Wen nimmt es da Wunder, dass sich bei vielen eine resignierende „keine-Zukunft-Stimmung“ breit macht, dass man unsere Gesellschaft als Endzeit-Gesellschaft bezeichnet, die den notwendigen Konsens ihrer Mitglieder zu verlieren droht.

Wer im Strom schwimmt, vermag ihn weder aufzuhalten noch seine Richtung zu verändern - er wird getrieben und bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffen.

4. Soziale Kompetenz als burschenschaftliches Erziehungsziel

Es gehört mit zu den wichtigsten Aufgaben einer Burschenschaft, den gegenseitigen Erziehungsprozess der Bundesbrüder untereinander zu fördern und gerade die jüngeren Bundesbrüder auf ihre Verantwortung gegenüber Bund und Gesellschaft hinzuweisen und vorzubereiten.

Als vorrangige Ziele, die sich aus dem Selbstverständnis einer burschenschaftlich geprägten Verbindung ergeben, können folgende gelten:
  • Zivilcourage, d.h. Bereitschaft, als richtig anerkannte Standpunkte auch dann zu vertreten - und vor allem für sie einzutreten -, wenn sie nicht dem jeweiligen Zeitgeist und Trend entsprechen, selbst wenn damit persönliche Nachteile verbunden sein sollten.
  • Einsatz, d.h. nicht Forderungen erheben, dass und wie andere zu handeln haben, sondern bereit sein, im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten sich selbst - auch ohne Aussicht auf einen persönlichen Vorteil - einzusetzen.
  • Freiheitliches Denken, wobei Freiheit nicht als das Fehlen von Zwängen verstanden wird, sondern vielmehr als die Freiheit und die Verantwortung zu Handeln und damit auch als Verpflichtung.
  • Respekt, als Bereitschaft und Fähigkeit, andere Standpunkte, Haltungen und kulturelle Einbindungen zu verstehen, sich damit auseinander zusetzen und sie zu respektieren - ohne sie damit für sich selbst zu übernehmen.
  • Achtung und Selbstachtung, wobei der Respekt vor dem anderen die Selbstachtung mit einschließt, denn nur wer um den eigenen Wert weiß, kann auch den Anderen in seinem Wert erkennen und respektieren.
  • Loyalität, d.h. die Bereitschaft, Mehrheitsentscheidungen, die auf gemeinsam anerkannten Werten und Verfahren beruhen, auch bei abweichenden Auffassungen zu akzeptieren, mitzutragen und nach außen aktiv zu vertreten.
  • Sittliche Kontrolle des eigenen und fremden Handelns bezüglich der Übereinstimmung mit den gesetzten Werten, getroffenen Entscheidungen und der Auswirkungen auf Dritte.
  • Verantwortung für das soziale Gefüge, zu dem Bund, Gesellschaft, Staat, Nation und Europa gleichermaßen gehören. Diese Verantwortung stellt sich als Summe aller vorher genannten Ziele dar.

Das Erreichen dieser vorrangigen Ziele, setzt die Beherrschung von sozialen Techniken voraus (nachrangige Ziele). Dazu gehören:
  • fachliche Kompetenz
  • fachübergreifendes Denken und Wissen
  • Beherrschung der Grundregeln in Rhetorik, Verhandlungsführung, taktisch-strategischem Vorgehen, Erfahrung im Umgang mit "Spielregeln"
  • Selbstsicherheit
  • Selbstkontrolle

Das Einüben dieser Techniken, unter gleichzeitiger Vermittlung des Bewusstseins, dass es sich dabei lediglich um das notwendige Handwerkszeug handelt, das zum Erreichen der vorrangigen Ziele eingesetzt werden soll, der ständige Abgleich der Ziele untereinander, ihre Anpassung und ggf. Erweiterung, schaffen das gemeinsame Wertefeld als Handlungsgrundlage einer akademischen Leistungselite (im Gegensatz zu der von Verbraucherverhalten auf hohem Stand geprägten Anspruchselite, die sich immer weiter ausbreitet).

5. Schlussfolgerungen für das Bundesleben

Aus den vorgenannten Überlegungen Schlussfolgerungen für unser Bundesleben zu entwickeln, die Eingang finden sollen in das Miteinander der Bundesbrüder, in das Semesterprogramm und in unser gemeinsames Handeln, ist Ziel unserer Bemühungen. Die Grundlagen für diese Erziehungsziele werden in der Fuxenausbildung gelegt. Von wesentlicher Bedeutung ist allerdings, dass vor allem die Chargen und Beamten der Aktivitas den jungen Bundesbrüdern mit gutem Beispiel vorangehen. Dies betrifft die Wahrnehmung der gestellten und übernommenen Aufgaben, das Verhalten innerhalb und außerhalb des Hauses, den Umgang mit Konfliktsituationen, die Vertretung der Bundesinteressen gegenüber Externen, der Aktiveninteressen gegenüber der Altherrenschaft und die Art und Weise des Umganges mit Mehrheitsentscheidungen der Konvente. Um ein attraktives Bundesleben zu gestalten (nur ein solches sichert den Fortbestand des Bundes), bedarf es des Einsatzes aller Bundesbrüder. Dieses zu vermitteln, ist nicht nur Aufgabe des Fuxmajors, sondern aller Bundesbrüder, vor allem der Chargen und Beamten als Führungsriege der Aktivitas.