| Vorbemerkung Für die burschenschaftliche Bewegung sind seit ihrer Entstehung drei Begriffe von zentraler Bedeutung, die sich deshalb auch im Wahlspruch der Deutschen Burschenschaft wiederfinden. Es sind dies die Begriffe Freiheit, Ehre und Vaterland/Nation. Da alle drei, insbesondere aber die Begriffe Ehre und Vaterland/Nation, immer wieder Gegenstand von Fehlauslegungen und Anlaß zu Mißvertändnissen sind, soll, gleichsam als Einleitung für die Grundlagen unseres Denkens und Handelns, an dieser Stelle deutlich gemacht werden, was wir unter diesen Begriffen verstehen wollen. Freiheit: Sie ist das höchste Gut des Menschen. Sie zu erringen und gegen jeden äußeren Zwang zu verteidigen, ist ein vorrangiges Anliegen der Bonner Burschenschaft Marchia. Innere Freiheit ist Voraussetzung für jedes verantwortungsbewußte menschliche Handeln. Die Bonner Burschenschaft Marchia sieht sie in der Loslösung von Vorurteilen, in der Selbstständigkeit des Denkens und in der Vertretung der eigenen Meinung. Jede ehrlich errungene Überzeugung ist zu achten. Die Bonner Burschenschaft Marchia tritt für die akademische Freiheit, also die Freiheit der Forschung, der Lehre und des Lernens ein. Sie verlangt von ihren Mitgliedern wissenschaftliches Streben und das Erlangen einer umfassenden allgemeinen und fachwissenschaftlichen Bildung. Ihre Mitglieder verpflichten sich zu ernsthaften Studium und sollen sich an der allgemeinen studentischen Arbeit und Selbstverwaltung beteiligen. Ehre: Die Ehre verpflichtet jedes Mitglied, die Gebote der Sittlichkeit zu erfüllen und seine Ehre, sowie die Ehre der Bonner Burschenschaft Marchia zu wahren. Unter dem Begriff Ehre wird der sittliche Maßstab verstanden, auf den hin ein Mensch und die Gesellschaft, in der er lebt, ihr Handeln ausrichten. Jeder Mensch muß folglich bereit sein, sittliche Normen als für sich gültig und bindend sowie seine persönliche Freiheit einschränkend anzuerkennen. Daraus ergibt sich als Selbstverständlichkeit, die Pflicht des einzelnen zu Toleranz und zur Achtung der Ehre anderer. Vaterland/Nation: Gemeinsamkeiten in Sprache, Kultur und Geschichte der Menschen einer Region, können zu einem Gemeinsamkeitsbewußtsein führen, aus dem sich das Streben nach einer staatlichen Organisation zur Existenzsicherung der Gemeinschaft ableitet. Der aus diesen Zusammenhängen sich ergebende Begriff Vaterland umfaßt somit sowohl die kulturelle und räumliche Heimat der Menschen als auch deren staatsrechtlichen Organisationsform. Das Bekenntnis zum Vaterlandsbegriff bedeutet ein Bekenntnis zum Recht eines Volkes auf Bewahrung seiner geschichtlich gewachsenen Identität und seiner kulturellen Eigenarten. Es beinhaltet die Pflicht zur Achtung der Identität und der Kultur anderer Völker. Nach einem leidvollen geschichtlichen Prozeß sind heute im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland die wesentlichen Ziele der burschenschaftlichen Bewegung von 1815 durch Verfassungsgebote verankert. Als Verpflichtung wird daher verstanden, sich als Burschenschafter persönlich und aktiv für den Erhalt der freiheitlichen und demokratischen Rechtsordnung unseres Staates einzusetzen. Aus diesem Bekenntnis zur Bundesrepublik Deutschland folgen die Verpflichtungen zur Teilnahme bei der Abwehr aller äußeren und inneren Bedrohungen von Staat und Gesellschaft, sowie zum Widerstand gegen politischen Extremismus wie auch gegen religiösen und weltanschaulichen Fanatismus. Dieses Verständnis der drei zentralen Begriffe der burschenschaftlichen Bewegung, ist die Grundlage für die Einstellung zu unserer Gesellschaft, die wir unseren Mitgliedern vermitteln wollen. Nur auf ihr wachsen nach unserer Überzeugung Bereitschaft und Fähigkeit, sich im Sinne eines erweiterten Verständnis von sozialer Verantwortung, aktiv an der Gestaltung unseres Gemeinwesens (der Nation) zu beteiligen. Nach landläufigem Verständnis wird der Begriff der sozialen Verantwortung sehr häufig auf die Bedeutung eines sozialen Handelns im Sinne einer rein gemeinnützingen Betätigung verkürzt. Damit tritt ein einzelner Teilbereich an die Stelle des viel weiter reichenden Überbegriffes: gemeinnütziges Tun ist eine von vielen möglichen Folgen der wahrgenommenen sozialen Verantwortung - keinesfalls aber damit gleichzusetzen. Soziale Verantwortung ist vielmehr ein sittlicher Grundsatz, der den Menschen befähigt, als Einzelner mit anderen Einzelnen zusammen in einer Gemeinschaft zu leben. Dieses Eingebundensein, dem sich keiner entziehen und verweigern kann, setzt Grenzen und öffnet gleichzeitig Freiräume. Es schafft und garantiert dem Einzelnen Rechte, legt ihm aber auch Verpflichtungen auf. Verpflichtungen, die im gleichen Maße zunehmen, wie die eigenen Fähigkeiten über dem Durchschnitt liegen. Bildung, Ausbildung, geistige Fähigkeiten, berufliche Möglichkeiten - und auch finanzielle Leistungsfähigkeit schaffen nicht nur die Voraussetzungen, sich mehr leisten zu können. Sie fordern auch einen entsprechenden umfeldbezogenen Einsatz und Übernahme von Verantwortung im und für das Gemeinwesen! Soziale Verantwortung heißt daher: - Befähigung zum Erkennen einer besonderen Verpflichtung;
- Bereitschaft zum gemeinschaftsförderlichen, nicht auf eigene Vorteile gerichteten Handeln;
- Beherrschung des notwendigen Instrumentariums
1. KorporationDie Verbindungen - gleich welcher Ausrichtung - leben das Prinzip der Sozialen Verantwortung als tragendes Element nach innen. Wo immer dieser Grundsatz aufgeweicht oder gar aufgegeben wird, wo die Verbindlichkeit des Handelns gegenüber dem eigenen Bund oder die Bereitschaft, für den Bundesbruder - auch ohne das Bestehen einer persönlichen Freundschaft - einzutreten, verloren geht, ist die Verbindung ihres Fundamentes beraubt und zum Absterben verurteilt. Verbindungen unterscheiden sich in diesem Punkt nicht von anderen fest geschlossenen Gemeinschaften. Rituale, Riten und Traditionen bilden dabei lediglich einen äußeren Rahmen, der das eigentliche Prinzip sichtbar werden läßt. 2. Burschenschaft Eine revolutionäre, bahnbrechende Erkenntnisse aus der Anfangszeit der burschenschaftlichen Bewegung hat bis heute ihre Gültigkeit bewahrt: Die ausschließlich nach innen gerichtete Verantwortung, die Beschränkung auf einen fest umrissenen Kreis, die Kultivierung des Lebensbundprinzipes als Selbstzweck, führt zu sektenähnlichen, sich von der übrigen Welt abschottenden Strukturen. Bleibt aber die Frage nach dem "Wozu?" und "Wohin?" einer Gemeinschaft unbeantwortet, erschöpft sich ihr Sinn in der Pflege der Gruppeninterssen, so führt sich diese Gesellschaft selbst ad absurdum, wird zu ihrer eigenen Karikatur. Die Urburschenschafter haben einer solchen Entwicklung ihre Auffassung entgegengesetzt, daß der Akademiker - ob als Student oder später im Berufsleben - seine eigentliche Aufgabe außerhalb des Bundes im Staat und in der Gesellschaft mit ihren vielen Gruppen zu erfüllen hat. Sie brachen damit aus der bis dahin gepflegten inzuchtösen Beschränkung des Verbindungswesens aus, bejahten ihre Verantwortung über das akademische Standesdenken hinaus und übernahmen so erstmals soziale Verantwortung im heutigen Sinne. Ein Lebensbund auf der Grundlage gemeinsam getragener Ideale, einer von allen anerkannten - nicht zwingend unveränderbaren - Werteordnung und der erkennbar ernstgenommenen Verpflichtung zum verantwortungsvollen Handeln, entwickelt Strahlkraft und Außenwirkung. Nicht ohne Grund lag die Blütezeit der Burschenschaften und jedes einzelnen Bundes in den Jahrzehnten, in denen Burschenschafter in allen führenden gesellschaftlichen Funktionen vertreten waren. Sie zeigten, daß sie bereit waren, als Akademiker Anstöße zu geben, Verantwortung zu übernehmen und sich für Andere einzusetzen. Sie vermittelten auch, wo sie all diese Fähigkeiten gelernt und entwickelt haben; nämlich in ihren Burschenschaften. An diesen Gedanken und an diese Haltung gilt es heute wieder anzuknüpfen. 3. Umfeld Viele der älteren Bundesbrüder empfinden die Veränderungen, die um uns herum geschehen, als beängstigend. Sie erkennen keinen Wertewandel, sondern sehen nur einen Werteverlust. Sie erkennen keine Verbesserung, sondern nehmen Änderungen nur als die Zerstörung des Alten, Gewohnten, liebgewordenen Vertrauten wahr. Die jüngeren Bundesbrüder hingegen nehmen die bestehende Situation als normal, als gegeben hin - häufig lediglich schlaglichtartig wahrgenommen -, ohne Vorgeschichte und ohne erkennbare Weiterentwicklung. Wenn wir aber unserer sozialen Verantwortung gerecht werden sollen, so können wir dies nicht in einem zeitlosen Raum tun. Wir sind hier und jetzt gefordert, d.h. wir müssen uns zunächst ein Bild davon machen, was um uns herum stattfindet. Dies geht allerdings nicht, ohne die Kenntnis von der Enwicklung und den Ursachen der bestehenden Verhältnisse. Wir können unsere Aufgaben als Akademiker nur dann wahrnehmen, wenn wir die Fähigkeit und die Bereitschaft haben, über den Tellerrand der Tagesaktualität und des Zeitgeistes hinauszublicken. Nur wenn die bestehenden Verhältnisse und das herrschende Umfeld im Gesamtzusammenhang betrachtet und beurteilt werden, können nachhaltige, dem Gemeinwesen langfristig förderliche Entscheidungen getroffen und durchgesetzt werden. Unsere Gesellschaft firmiert unter den verschiedensten Etiketten. Sie können an dieser Stelle nur kurz beleuchtet werden: - die sog. Kommunikationsgesellschaft erhebt den Anspruch, Entfernungen zu überbrücken und Informationen leichter und umfassender zugänglich zu machen, als jemals zuvor. Tatsächlich aber bleibt der direkte Kontakt zwischen den Menschen dabei immer häufiger auf der Strecke. Statt Informationen fließen Daten, mit deren Fülle kaum noch jemand umzugehen vermag. Sinn und Notwendigkeit dieser Datenflut erschließen sich nur noch wenigen und werden von der Mehrheit nicht hinterfragt. Einordnung und Bewertung in ein übergreifendes Gesamtbild findet nicht statt.
- die sog. Konsumgesellschaft weckt Ansprüche und Begehrlichkeiten. Sie beeinflußt den Einzelnen, schafft Bedarf, wo kein Bedürfnis besteht und verkürzt so den Einzelnen auf den Verbraucher.
- die sog. Freizeitgesellschaft vermittelt das Bild von einer Zweiteilung des Lebens in die "Fron des Alltags" und die "Glückseligkeit der eigensüchtigen Selbstverwirklichung". Die soll erreicht werden durch den Verbrauch vorgefertigter Produkte und vereinheitlicheter Angebote. Der Mensch arbeitet und verbraucht; er funktioniert, wenn er arbeitet, um zu verbrauchen. Jedes andere Verhalten hat nach diesem Leitbild einen niedrigen Wirkungsgrad und ist deshalb gemeinschaftsschädlich.
- die sog. Ellenbogen-Gesellschaft, die aus dieser Entwicklung entsteht, predigt folgerichtig Eigennutz und Rücksichtslosigkeit, also im Prinzip asoziale Verhaltensmuster, als Leitschnur und Voraussetzung für das persönliche Fortkommen.
- all dies spielt sich in einer sog. Massengesellschaft ab, die abweichende Eigenheiten Einzelner als verdächtig wahrnimmt und mit den Begriffen "in" und "out" Entwicklungsrichtungen bestimmt, die zur Gesetzmäßigkeit für zeitgemäßes (will sagen an den Zeitgeist angepaßtes) Verhalten erhoben werden.
Wen nimmt es da Wunder, daß sich bei vielen eine resignierende keine-Zukunft-Stimmung breitmacht, daß man unsere Gesellschaft als Endzeit-Gesellschaft bezeichnet, die den notwendigen Konsens ihrer Mitglieder zu verlieren droht. Wer im Strom schwimmt, vermag ihn weder aufzuhalten noch seine Richtung zu verändern - er wird getrieben und bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffen. 4. Soziale Kompetenz als burschenschaftliches Erziehungsziel Es gehört mit zu den wichtigsten Aufgaben einer Burschenschaft, den gegenseitigen Erziehungsprozeß der Bundesbrüder untereinander zu fördern und gerade die jüngeren Bundesbrüder auf ihre Verantwortung gegenüber Bund und Gesellschaft hinzuweisen und vorzubereiten. Als vorrangige Ziele, die sich aus dem Selbstverständnis einer burschenschaftlich geprägten Verbindung ergeben, können folgende gelten: - Zivilcourage, d.h. Bereitschaft, als richtig anerkannte Standpunkte auch dann zu vertreten - und vor allem für sie einzutreten -, wenn sie nicht dem jeweiligen Zeitgeist und Trend entsprechen, selbst wenn damit persönliche Nachteile verbunden sein sollten.
- Einsatz, d.h. nicht Forderungen erheben, daß und wie andere zu handeln haben, sondern bereit sein, im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten sich selbst - auch ohne Aussicht auf einen persönlichen Vorteil - einzusetzen.
- freiheitliches Denken, wobei Freiheit nicht als das Fehlen von Zwängen verstanden wird, sondern vielmehr als die Freiheit und die Verantwortung zu Handeln und damit auch als Verpflichtung.
- Respekt, als Bereitschaft und Fähigkeit, andere Standpunkte, Haltungen und kulturelle Einbindungen zu verstehen, sich damit auseinanderzusetzen und sie zu respektieren - ohne sie damit für sich selbst zu übernehmen.
- Achtung und Selbstachtung, wobei der Respekt vor dem anderen die Selbstachtung mit einschließt, denn nur wer um den eigenen Wert weiß, kann auch den Anderen in seinem Wert erkennen und respektieren.
- Loyalität, d.h. die Bereitschaft, Mehrheitsentscheidungen, die auf gemeinsam anerkannten Werten und Verfahren beruhen, auch bei abweichenden Auffassungen zu akzeptieren, mitzutragen und nach außen aktiv zu vertreten.
- sittliche Kontrolle des eigenen und fremden Handelns bezüglich der Übereinstimmung mit den gesetzten Werten, getroffenen Entscheidungen und der Auswirkungen auf Dritte.
- Verantwortung für das soziale Gefüge, zu dem Bund, Gesellschaft, Staat, Nation und Europa gleichermaßen gehören. Diese Verantwortung stellt sich als Summe aller vorher genannten Ziele dar.
Das Erreichen dieser vorrangigen Ziele, setzt die Beherrschung von sozialen Techniken voraus (nachrangige Ziele). Dazu gehören: - fachliche Kompetenz
- fachübergreifendes Denken und Wissen
- Beherrschung der Grundregeln in Rhetorik, Verhandlungsführung, taktisch-strategischem Vorgehen, Erfahrung im Umgang mit "Spielregeln"
- Selbstsicherheit
- Selbstkontrolle
Das Einüben dieser Techniken, unter gleichzeitiger Vermittlung des Bewußtseins, daß es sich dabei lediglich um das notwendige Handwerkszeug handelt, das zum Erreichen der vorrangigen Ziele eingesetzt werden soll, der ständige Abgleich der Ziele untereinander, ihre Anpassung und ggf. Erweiterung, schaffen das gemeinsame Wertefeld als Handlungsgrundlage einer akademischen Leistungselite (im Gegensatz zu der von Verbraucherverhalten auf hohem Stand geprägten Anspruchselite, die sich immer weiter ausbreitet). 5. Schlußfolgerungen für das Bundesleben Aus den vorgenannten Überlegungen Schlußfolgerungen für unser Bundesleben zu entwickeln, die Eingang finden sollen in das Miteinander der Bundesbrüder, in das Semesterprogramm und in unser gemeinsames Handeln, ist Ziel unserer Bemühungen. Die Grundlagen für diese Erziehungsziele werden in der Fuxenausbildung gelegt. Von wesentlicher Bedeutung ist allerdings, daß vor allem die Chargen und Beamten der Aktivitas den jungen Bundesbrüdern mit gutem Beispiel vorangehen. Dies betrifft die Wahrnehmung der gestellten und übernommenen Aufgaben, das Verhalten innerhalb und außerhalb des Hauses, den Umgang mit Konfliktsituationen, die Vertretung der Bundesinteressen gegenüber dem Dachverband, der Aktiveninteressen gegenüber der Altherrenschaft und die Art und Weise des Umganges mit Mehrheitsentscheidungen der Convente. Um ein attraktives Bundesleben zu gestalten (nur ein solches sichert den Fortbestand des Bundes), bedarf es des Einsatzes aller Bundesbrüder. Dieses zu vermitteln, ist nicht nur Aufgabe des Fuxmajors, sondern aller Bundesbrüder, vor allem der Chargen und Beamten als Führungsriege der Aktivitas. zurück zum Seitenanfang |